Stationen auf der Krim, im Nordkaukasus und in Kasachstan

Viele Jahrzehnte war die Krim, wo es seit Beginn des 19. Jahrhunderts zahlreiche deutsche Kolonien gab, die Heimat der Familie Hirsch. Auch die Vorfahren der Brüder Hirsch, väterlicher– wie mütterlicherseits, gehörten zu den Mitbegründern einiger Siedlungen auf der Krim – 1915 gab hier 314 deutsche Siedlungen. In der Sowjetzeit fielen mehrere Mitglieder der weit verzweigten Familie den stalinistischen Säuberungen zum Opfer. Noch bevor der Deportationserlass vom 28.8.1941 über die Aussiedlung der Wolgadeutschen bekannt wurde, ereilte die Deutschen auf der Krim (damals UdSSR) bereits das traurige Schicksal, das den Deutschen in anderen Siedlungsgebieten noch bevorstand. Am 18.8.1941 wurde auch die Familie Hirsch „ausgesiedelt“ – zuerst in den Nordkaukasus, danach nach Kasachstan. Die Erinnerungen von Alois, Leo und Anton Hirsch (wohnhaft in Hessen und Niedersachsen), verfasst für ihre Nachkommen, aufschlussreich in Wort und Bild dokumentiert, sind die Grundlage für die nachstehende Zusammenfassung.

Alexandrowka/Krim – ein mit Pferden betriebener Brunnen. | Bild: VadW

Die Vorfahren väterlicherseits (Hirsch) stammten ursprünglich aus Baden, bevor sie im 19. Jahrhundert im Gebiet Odessa und in Taurien (südliche Zentralukraine, Kolonie Kostheim der Prischiber Mutterkolonien) siedelten. Vater Georg Hirsch wurde 1891 im Dorf Neu-Mannheim im Gebiet Cherson (Kronauer Gruppe der Tochterkolonien, die sich von der Prischiber Mutterkolonien abzweigten) in einer katholischen Familie geboren.

Die Mutter Maria (geb. Hiller) kam 1900 im Dorf Alexandrowka/Krim zur Welt, einem katholischen Dorf mit einer prachtvollen Kirche. Ihre Vorfahren, Hiller und Ploz, kamen aus Ostböhmen und ließen sich um 1861 auf der Krim nieder, wo sie das Dorf Alexandrowka mitbegründeten. Leopold Ploz und sein Sohn Josef (Großvater mütterlicherseits) waren Fachleute für Brunnenbau. Da das Süßwasser in den Krimsteppen etwa 50 Meter tief lag, mussten Tiefbrunnen geschlagen werden – die sogenannten Schöpfbrunnen, die mit Pferden betrieben wurden.

Nach der Grundschule in Kronau/Cherson absolvierte Georg Hirsch das Progymnasium und 1910 das geistliche Seminar in Saratow/Wolga. Zusätzlich zum Beruf als Grundschullehrer vermittelte das Seminar Buchhaltung und eine Ausbildung zum Sanitäter für den Fall eines Krieges. Alle drei Berufe prägten das Leben von Georg Hirsch mit. Als Grundschullehrer wurde er nach Alexandrowka/Krim beordert. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 war er an der Westfront als Sanitäter (unter anderem in den Baracken für Typhuskranke) im Einsatz. Nach Kriegsende kehrte er wieder nach Alexandrowka und zu seinem Hauptberuf zurück.

1919 gründete Georg Hirsch mit Maria Hiller eine Familie, die in den nächsten Jahren zu einer Großfamilie anwuchs. Acht Kinder brachte Maria zur Welt (zwei davon waren als Säuglinge verstorben): Robert (geb. 1921-1943), Maria (1925-1993), Alois (geb. 1927), Rosa (1929-1994), Leo (geb. 1933) und Anton (geb. 1938). Sie alle mussten mit ihren Eltern alle Strapazen der damaligen Zeit mit Hungersnöten, Entbehrungen und ständigen Umsiedlungen meistern.

Von Alexandrowka wurde der Lehrer Georg Hirsch 1921 für zwei Jahre in das Dorf Ataj (Deutsch-Ataj) versetzt, hier bekam die junge Familie die Hungerjahre mit voller Wucht zu spüren. Auch wenn Georg Hirsch als Dorflehrer etliche Desjatinen bekam und sogar Pferde anschaffte.

Die nächste Station war das deutsche Dorf Zarewitsch, wo Georg Hirsch 1923-1933 als Lehrer arbeitete. Berufsbegleitend absolvierte er ein Fernstudium an der Pädagogischen Hochschule Simferopol im Fach Physik und Mathematik. Etwa um 1927 wurde in der Gegend der deutsche Landkreis Thälmann eingerichtet, aber bereits 1938 wieder aufgelöst. Deutsch als Unterrichtssprache wurde untersagt. Mit den deutschen Schulen auf der Krim war es aus und die deutschen Lehrer bekamen Berufsverbot.

In den Jahren 1933-1937 mussten die Hirschs sich wiederholt an einem neuen Ort einleben. In Karassan (gegr. 1862, Tochterkolonie von Halbstadt/Taurien) wurde eine deutsche Mittelschule eröffnet und Georg Hirsch dahin als Lehrer für Physik und Mathematik versetzt. Nach der Entkulakisierung Anfang der 1930er, wobei mehr als 20 Familien in den hohen Norden verbannt wurden, sah das Dorf ziemlich verkommen aus. Dennoch gab es hier zwei Schulen: eine deutsche Grundschule mit zwei Schulklassen und eine sogenannte Bauernjugend-Schule (sieben Klassen), die 1934 zu einer nicht vollen Mittelschule mit acht Klassen erweitert wurde.

Seit Mitte der 1930er Jahre schien sich das Leben zum Besseren zu wenden. Die Kolchose „Druschba“ („Freundschaft“) in Karassan, wo die deutschen Dorfbewohner beschäftigt waren, profitierte unter anderem von der Reitpferdezucht. Später wurde Karassan zum Zentrum der Sowchose „Bolschewik“, die deutschen Gutshöfe (Ökonomien) in der Umgebung deren Abteilungen. Schon 1933 hatte die Sowchose ein Stromwerk, 1936 wurde in Kurman eine MTS (Maschinen-Traktoren-Station) gegründet, die auch Karassan bediente. Die Sowchose hatte außerdem eine Bäckerei, zwei gemischte Läden, ein Krankenhaus und eine Apotheke. Karassan entwickelte sich auch zu einem Kulturzentrum. Das Bethaus wurde zum Kulturhaus umgestaltet, wo zweimal die Woche Filme vorgeführt wurden – seit 1934 hatte das Dorf einen Kinosaal. 1936 zeigte hier das deutsche Theater aus Engels Schillers „Kabale und Liebe“.

Trotz dieser positiven Veränderungen, lagen die Unsicherheit und Angst bereits in der Luft – immer wieder wurde jemand abgeholt. 1937 ereilte dieses Los auch das Ehepaar Hirsch, ihr Sohn Robert wurde mit nicht mal vollen 16 Jahren verhaftet. Der Vater bekam anschließend Berufsverbot als Lehrer, die Familie musste wieder umziehen. Im Mennonitendorf Schöntal (Nem-Ischun) konnte Georg Hirsch für ein Jahr als Buchhalter der Budjonny-Kolchose unterkommen – zur Untermiete beim ehemaligen Kolchosvorsitzenden Martens – zwei Erwachsene und vier Kinder in zwei Zimmern. „Im November 1937 sind wir umgezogen, und im Januar 1938 kam Anton zur Welt. Unsere Möbel könnten wir da nicht unterbringen. Wir lebten sehr bescheiden. Der Vater bekam nur einen kleinen Lohn und ein wenig Mehl. Die Rettung in der Not waren die zwei Kühe“, erzählt Leo Hirsch.

Die Mutter Maria war eine sehr geschickte Hausfrau. Sie konnte gut kochen, backen, nähen, stricken, sticken und noch viel mehr. Nur mit viel Mühe und Fantasie konnte unsere Mutter die Großfamilie versorgen. Ihre geschickten Hände zauberten mal eine sogenannte „Tolstowka“ (Hemd mit Taschen und Gürtel), mal Hemden, Hosen und Kleider für Kinder, mal Winterunterwäsche und Nachthemden für die ganze Großfamilie oder auch eine gesteppte Decke. „Nur Schuhe, Mäntel oder Anzüge für den Vater wurden im Geschäft gekauft. In den Jahren 1936 -1938 gab es auch in den kleinen Dörfern Stoff zu kaufen – Kattun, Satin, Cord. Ein ärmelloses Hemd (Maika) aus Strickstoff war nirgendwo zu kaufen, die Mutter machte sie für uns selber“, erzählen die Brüder.

Am 7.8.1938 wurden Georg Hirsch und viele andere deutsche Lehrer verhaftet und in Simferopol pauschal zu drei Jahren Arbeitslager verurteilt. „In jener tragischen Nacht wurde ich von lautem Lärm geweckt. Ich sah vier fremde Männer, in der Wohnung war aller umgekippt und durchgewühlt. Dann haben sie den Vater mitgenommen, die Mutter weinte sehr“, erinnert sich der damals fünfjährige Leo Hirsch. „Ich, damals elf Jahre alt, übernachtete im Hof. Vater kam zu mir, küsste mich und sagte: ‚Mich nehmen sie fort‘. Die Berührung seines stacheligen Bartes habe ich immer noch in Erinnerung“, ergänzt Alois Hirsch. Zuletzt war Georg Hirsch im Iwdellag im Gebiet Swerdlowsk/Ural (1942 an Herzversagen verstorben).

Die Verhaftung des Vaters hatte weitgehende Folgen für die ganze Familie. Die Kolchose verweigerte die vorher bezahlte Wohnung, auch lehnte der Kolchosvorsitzende ab, die von Georg Hirsch geleistete Arbeit zu entlohnen. Als Nichtmitglieder der Kolchose durfte Maria auch nicht mehr im Dorf bleiben. „Die ausstehende Wohnungsmiete bezahlte die Mutter mit Vaters gummiertem Regenmantel. Auch die Kühe wurden verkauft. Wir alle waren nur noch ein Häufchen Elend: eine alleinstehende Frau mit fünf Kindern ohne Existenzmittel, der kleinste, Anton, neun Monate, die älteste, Maria, 13 Jahre alt. Und es musste ein neuer Ort, Arbeit und Wohnung gesucht werden“, beschreibt Alois Hirsch die damalige Lage.

Nach langem Suchen fand Maria ein Häuschen im Dorf Sultan-Basar, ca. 30 km von Schöntal entfernt. Die Kolchosverwaltung stimmte zu, sie mit Kindern in der Kolchose aufzunehmen. Im Sommer arbeitete sie bei der Baumwollernte. Im Herbst verteilte die Kolchose die nicht ausgereifte Baumwolle auf die Haushalte. Nach dem Austrocknen musste die Baumwolle aus den Kapseln gezogen werden – an Winterabenden arbeitete die ganze Familie daran. 1940 wurde Maria Hirsch die Leitung des Kindergartens übertragen.

Keiner ahnte damals, dass die Verschnaufpause von den Schicksalsschlägen schon bald nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges zu Ende sein wird. Die nächste schicksalhafte Herausforderung, die alles verändern wird, lauerte bereits vor der Tür. Am 18. August 1941 wurde auf der Krim die „Evakuierung“ der deutschen Bevölkerung angekündigt. Es hieß, die „Evakuierung“ würde nur einen Monat dauern, dann würden alle zurückkehren. Die Häuser sollte man abschließen und die Schlüssel im Dorfrat abgeben.

Über dem ganzen Dorf standen Stöhnen und Weinen. „Die Mutter war in Panik. Wir hatten nicht mal jemand, um das Ferkel zu schlachten: Dann kamen doch die Nachbarn zur Hilfe. Die Mutter hat das Fleisch gebraten und mit Fett übergossen. Es waren 50 kg pro Person erlaubt mitzunehmen. Wir waren zwar sechs, aber nur ein Erwachsener. Mutter hat Fleisch, Mehl, Bettwäsche und Kleidung eingepackt. Die Nähmaschine musste zurückbleiben, wir haben sie noch lange bedauert“, erinnert sich Leo Hirsch. Etwa 53.000 Krimdeutsche mussten ihre angestammte Heimat verlassen, die allermeisten auf Nimmerwiedersehen.

„An der Eisenbahnstation Kurman standen schon Güterwagen bereit. Als der Zug sich in Bewegung setzte, waren die Wagen überfüllt mit Menschen. Wenn der Zug irgendwo im Feld hielt, versuchten die Menschen Wasser aufzukochen oder irgendeine Suppe zuzubereiten. In der Siedlungsstation Diwnoje der nordkaukasischen Region Ordschonikidse (heute Region Stawropol) wurde der Zug entladen. Weiter ging es bis zum 40 Kilometer entfernten Dorf Malaja Dschalga, dessen Bevölkerung hauptsächlich aus enteigneten und ausgesiedelten Bauern aus den Gebieten Don und Kuban bestand. Die Krimdeutschen wurden gleich auf die Feldbrigaden verteilt und bei Erntebergung eingesetzt. Alois war Helfer beim Buchführer. Ich ging zur Schule in die erste Klasse, obwohl ich kein Russisch konnte“, erzählt Leo Hirsch.

Nach einem Monat wurden alle wieder in Güterwagen verfrachtet – diesmal ging es Richtung Norden. Inzwischen war der Deportationserlass vom 28.8.1941 erschienen, die darin festgeschriebene „Aussiedlung“ der Wolgadeutschen wurde innerhalb von Tagen auf alle anderen deutschen Siedlungsorte ausgeweitet. Vom 25. September bis zum 10. Oktober wurden auch die Deutschen aus sämtlichen nordkaukasischen Gebieten nach Kasachstan deportiert – darunter die Krimdeutschen, die bereits die zweite Deportation in Folge erlebten.
„Damit wurde unser Schicksal mit einem Schlag auf eine lange Zeit abgestempelt. Diesmal wurde der Zug von bewaffneten Militärs begleitet.

Der Mutter wurden 200 Rubel gestohlen – ein unentbehrlicher Verlust. Kurz nach Petropawlowsk in Nordkasachstan (Station Smirnowo) am 10. 11.1941 hieß es – alle aussteigen! Auf die Familien warteten bereits Fuhren mit Ochsengespann. Unsere nächste Station hieß Aul Karagaily. Es herrschte ein starker Frost, wir hatten nur leichte Schuhe aus Leinwand an den Füßen. Die deutschen Familien wurden bei Einheimischen untergebracht. Neugierige kamen, auf die ‚furchtbaren Deutschen mit Hörnern und Stoßzähnen‘ zu schauen (so wurden die Deutschen von der sowjetischen Propaganda dargestellt)“, sagt Leo Hirsch.

Zusammenfassung: Nina Paulsen, VadW (nach „Erinnerungen der Brüder Alois, Leo und Anton Hirsch – verfasst von Anton Hirsch“).

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