In einer Gesellschaft, in der Respekt für alte Menschen und Familienzusammenhalt als Werte groß geschrieben werden, sind Altersarmut und Einsamkeit Tabu-Themen. Dabei ist die Situation für einige Rentnerinnen und Rentner sehr ernst. Die Stiftung „Babushka Adoption“ scheut sich nicht, die Probleme kirgisischer Senioren zu adressieren. Mit der „Adoption“ einer Großmutter oder eines Großvaters können private Sponsoren eine besonders hilfsbedürftige Person monatlich unterstützen. Daneben bietet der Verein den alten Leuten soziale und pädagogische Unterstützung und kämpft im Parlament für die Stärkung und den Schutz ihrer Rechte.

Es klingt irgendwie drollig: eine kirgisische Oma oder einen kirgisischen Opa zu adoptieren. Leider ist die Lage vieler Senioren in Kirgisistan das überhaupt nicht. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 geriet das unabhängige Kirgisistan in eine tiefe wirtschaftliche und soziale Krise. Der Wechsel zur offenen Marktwirtschaft brachte mit sich, dass massenweise staatliche Sozialleistungen wegfielen. Zudem setzte eine verstärkte Emigration der arbeitenden Bevölkerung, insbesondere junger Menschen, nach Russland und in andere benachbarte Länder ein. Zurück blieben Großmütter und Großväter, alleingelassen und desillusioniert in Anbetracht der Veränderungen der letzten Jahre, die ihr Leben mit einem Mal so erschwert und unberechenbar gemacht hatten.

In der Regel erhalten ältere Menschen, ohne zusätzliche Einnahmequelle oder Unterstützung, eine staatliche Rente von durchschnittlich 4.600 Som (ca. 60 Euro). Diese Summe reicht kaum zum Leben. Sie steht auch in keinem Verhältnis zu den rund 45 Jahren Arbeit, die dem Staat gewidmet wurden. Eine bittere Bilanz. Besonders schwer haben es jene, die Familienangehörige verloren oder keine nahen Verwandten haben, die sie unterstützen könnten. Das ist hauptsächlich für russischstämmige Senioren der Fall, die kein soziales Netz im Land haben. Daher geschieht es nicht selten, dass Senioren unbemerkt verwahrlosen, ihr Obdach verlieren, an Mangelernährung leiden oder schlicht zu verhungern drohen. Auch im Falle von Krankheit und Behinderung sind sie oft auf sich alleingestellt.

Kleines Hilfswerk mit großer Wirkung

Einer, der sich aus Entsetzen über die schweren Lebensbedingungen von alten Menschen im Land zum Handeln gezwungen sah, war der Schweizer Markus Müller. Vor gut zwanzig Jahren kam er als OSZE-Botschafter nach Kirgisistan. Seinem Engagement ist es zu verdanken, dass 1999 mit finanzieller Unterstützung der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) die Stiftung „Babushka Adoption“ entstand.

Babushka Adoption, das ist ein besonderes kleines Hilfswerk, das seit 2006 auf eigenen Beinen steht. Es arbeitet als konfessionell und politisch unabhängige, nachhaltige und gemeinnützige lokale Nichtregierungsorganisation. Die Stiftung ist in Bischkek, im Bezirk Leilek des Gebiets Batken, sowie im Dorf Belowodskoje (Tschui) tätig. Ihr Hauptsitz befindet sich in der Hauptstadt, eine Zweitniederlassung in Isfana.

Babushka Foundation kämpft für die „vergessene Generation“

„Vor Aufnahme meiner Tätigkeit bei der Stiftung „Babushka Adoption“ im Jahr 2000 hatte ich keine Vorstellung, wie schutzlos, einsam und schlecht versorgt unsere Seniorinnen und Senioren sind“ erzählt Aidai Kadyrova, Direktorin der Stiftung. Seitdem kämpft sie mit einem kleinen, aber hochmotivierten Team hingebungsvoll für die „vergessene Generation“.

Das wichtigste Instrument der Stiftung ist ein privates Sponsoren-Programm. Wer sich dazu entscheidet, eine Babuschka oder einen Deduschka zu adoptieren, bekommt zunächst eine meist traurige Biographie zugesandt. Dafür freuen sich die frisch Adoptierten ihrerseits über alle Maßen. Die kleine monatliche Summe von etwa 12 Euro, die ihnen ein Sponsor aus dem Ausland überweist, ermöglicht es den älteren Menschen, ihr Leben etwas besser zu gestalten, ihre Häuser zu beheizen, dringend benötigte Arzneimittel zu kaufen und ihre persönlichen Bedürfnisse zu befriedigen.

Die Senioren freuen sich besonders, wenn ihre Paten sie besuchen…

„Solche Patenschaften ermöglichen ein Leben in Würde“, sagt eine der Großmütter. Babuschkas und Deduschkas danken Gott für ihren Sponsor und tragen ihn wie einen Schatz im Herzen. Oder sie wünschen sich, mit ihm in Kontakt zu treten. In diesem Fall ist Babushka Adoption sehr daran interessiert, eine persönliche Beziehung zwischen Sponsoren und ihren Begünstigten zu ermöglichen. Vom netten Briefwechsel bis hin zu herzergreifenden Besuchsszenen hat es alles schon gegeben, interkulturellen Austausch inklusive. „Unsere Augen wurden geöffnet für die älteren Menschen in einem weit entfernten Land: Kirgisistan“, meinen etwa zwei Sponsoren aus Dänemark.

Psychisches Wohlbefinden im Alter besonders wichtig

800 Babuschkas und Deduschkas sind aktuell adoptiert. Das Engagement der Stiftung endet jedoch nicht bei der finanziellen Unterstützung: Sozialarbeiterinnen machen Hausbesuche bei Großvätern und Großmüttern, die körperlich beeinträchtigt sind, erledigen Einkäufe, kochen, putzen, helfen bei der persönlichen Hygiene.

Außerdem weiß das Team von Babushka Adoption um die Bedeutung psychischen Wohlbefindens, gerade im Alter. Deshalb initiiert und unterstützt die Stiftung Selbsthilfegruppen und Tageszentren für Senioren. Dort gibt es Raum, um sich auszutauschen und Sorgen miteinander zu teilen. Vor allem aber will die Stiftung die soziale Isolation und die Monotonie im Leben älterer Menschen verringern. Viele der Selbsthilfegruppen haben sich in kleine Handarbeitsgruppen verwandelt. Die Produkte konnte man kürzlich bei einem Neujahrs-Markt begutachten und erwerben. Solche Anlässe sind eine schöne Gelegenheit für Babuschkas und Deduschkas, sich als selbstwirksam zu erfahren und ein kleines Taschengeld dazuzuverdienen.

…oder eine kleine Aufmerksamkeit schicken.

Daneben bündelt die Organisation immer wieder ihre Kräfte und lässt sich etwas einfallen, um ihre Senioren aktiv zu halten und am sozialen und kulturellen Leben teilhaben zu lassen. Bei der alljährlichen Weihnachtsfeier mit Essen und Programm etwa konnten die Dancing-Queens und -Kings unter den Babuschkas und Deduschkas letztens seit langem mal wieder das Tanzbein schwingen.

Babushka Adoption engagiert sich auch politisch für Senioren

Die Erfahrungen, die die Organisation im Umgang mit ihren älteren Menschen sammelt, sind wertvoll und sollten unbedingt von nationalem Interesse sein. Tatsächlich ist Babushka Adoption auf politischer Ebene äußerst aktiv. Auf Initiative der Stiftung wurde etwa 2018 die Plattform „Active Longevity“ gegründet. „Aktives Altern“ heißt, Menschen zu helfen, ihr Leben möglichst lange selbständig zu führen und, wenn möglich, einen Beitrag zur Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft zu leisten (laut Europäischer Kommission).

Die Arbeitsgruppe der Plattform hat die Aufgabe, ein Konzept auszuarbeiten, das ein aktives Altern der Bürger Kirgisistans gewährleistet. Wichtige Bereiche sind dabei vor allem die Analyse von Rechtsakten, Forschung, Entwicklung von Gerontologie und Geriatrie, und Gesetzesänderungen. Die Arbeitsgruppe spricht der Regierung gegenüber Empfehlungen aus, wie ihre Ideen zum aktiven Altern in alle künftigen Staatsprogramme integriert werden können. Sie argumentieren, dass so künftig auch Ausgaben für spezielle Dienstleistungen für ältere Menschen sowohl im Bereich des Gesundheitswesens als auch des sozialen Schutzes verringert werden können, so Aidai Kadyrova.

Für ein gesundes und würdevolles Leben

Im aktuellen Nationalen Aktionsplan zur Verbesserung der Lebensqualität älterer Menschen in der Kirgisischen Republik wurde das Konzept bereits berücksichtigt. 2020 bis 2021 wird die Regierung ein Nationales Programm zu „Aktivem Altern“ entwickeln.

„Ich möchte, dass alle unsere älteren Menschen lächeln und ihr Alter akzeptieren, um weiterhin ein aktives, gesundes und würdevolles Leben zu führen“, sagt Aidai Kadyrova. Ein schönes Ziel. Es bleibt zu wünschen, dass Kirgisistan dies erreichen kann. Bis dahin müssen bedürftige Babuschkas und Deduschkas jedoch auf den nimmermüden Einsatz von Organisationen wie Babushka Adoption und das große Spenderherz von Sponsoren aus dem Ausland hoffen.

Katharina Frick

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