Zehn Jahre ist es her, dass in der Finanzwelt eine Innovation eingeführt wurde, die man durchaus als Revolution bezeichnen kann. Gemeint ist die Gemeinschaftswährung von im Moment 15 europäischen Ländern – der Euro.

Vor zehn Jahren wurde die Europäische Zentralbank (EZB) gegründet, die den Nationalbanken der beteiligten Länder ihre ursprüngliche Existenzberechtigung nahm. Nur ein halbes Jahr später wurde der Euro als Buchgeld (bargeldloser Zahlungsverkehr) und am 1. Januar 2002 als Bargeld eingeführt. Revolutionär war das Ereignis vor allem deshalb, weil damals 11 Länder bewusst und freiwillig auf einen wesentlichen Teil ihrer nationalen Souveränität verzichteten und die geldpolitischen Kompetenzen einem gemeinsamen Organ, eben der EZB, übertrugen. Dieser Vorgang war keinesfalls irgendein formaler, sondern neben den geldpolitischen Aspekten vor allem auch ein hochpolitischer. Zum einen, weil, wie schon gesagt, die beteiligten Staaten auf die direkte Ausübung eines Teiles ihrer Hoheitsrechte verzichteten, vor allem aber, weil es sich um Staaten handelt, die noch bis vor wenigen Jahrzehnten und zum Teil über Jahrhunderte hinweg untereinander mit Waffen „kommuniziert“ haben.

Es gab und gibt zum Euro ausreichend kritische Stimmen und auch pessimistische Prognosen, die zum Teil nicht ihrer Grundlage entbehren. Dennoch: das erste Jahrzehnt seiner Existenz hat der Euro mit Bravour bestanden und alle skeptischen Prognosen blass aussehen lassen. Die EZB mit ihren Vertretern aus 15 Staaten kann ihre geldpolitischen Beschlüsse nur kollektiv fassen, das heißt es müssen sehr viele Kompromisse gefunden werden, da naturgemäß die wirtschaftliche und geldpolitische Lage in den Teilnehmerländern nicht einheitlich sein kann.
Als überzeugter Europäer und damit Gegner jeglicher Art von nationalem Patriotismus habe ich den Euro von Anfang an öffentlich begrüßt und an seinen Erfolg geglaubt. Das war nicht immer einfach, war doch sein Außenwert (in Relation zum Dollar) schnell von seinem Einführungskurs (1,18 Dollar pro Euro) auf nur 0,83 Euro (am 26.10.2000) gesunken. Er war damit „butterweich“, was zwar für den Export sehr gut ist, nicht jedoch für sein Image und die Importpreise. Mittlerweile ist der Euro eigentlich schon zu hart. Aber das bestimmen die Märkte und nicht der Wille von Ökonomen oder Politikern.

In manchen Euroländern ist allerdings auch zehn Jahre nach der Einführung die Nostalgie nach den alten nationalen Währungen immer noch vorhanden. Fast die Hälfte aller Deutschen wünscht sich die D-Mark zurück. In Italien wurde sogar vor einiger Zeit öffentlich über die Rückkehr zur Lire diskutiert – was für dieses Land aber eher eine Katastrophe wäre. Der Euro wurde zeitweise als „Teuro“ qualifiziert, das heißt ihm wurden die Preissteigerungen nach seiner Einführung als Ursache zugeschrieben. Dem ist natürlich nicht so. Die Inflationsrate in der Eurozeit lag im Durchschnitt bei 2,06 Prozent, also fast genau in dem Zielkorridor, den sich die EZB mit 2 Prozent gestellt hatte.

In diesen Tagen loben nun viele Bankspezialisten und Politiker den Euro, auch solche, die sich anfangs sehr kritisch verhalten hatten. Das größte Lob kommt wohl aus berufenem Munde. So schreibt der frühere Chef der USA-Notenbank, Alan Greenspan, in seiner Autobiografie, dass er „Große Bedenken“ gegen die Euroeinführung gehabt hätte, weil er „keineswegs sicher“ gewesen sei, dass eine gemeinschaftliche europäische Notenbank funktionieren würde. „Es war eine außergewöhnliche Leistung; und ich staune bis heute, was meine europäischen Kollegen aufgebaut haben“, resümiert Greenspan.

Mittlerweile hat sich der Euro als zweitwichtigste Währung der Welt etabliert; für die kurze Dauer seiner Existenz ist das enorm. Bereits 26,5 Prozent aller Weltdevisenreserven werden in Euro geführt (64 Prozent in US-Dollar); 36,3 Prozent aller internationalen Anleihen lauten auf Euro (42,7 Prozent auf US-Dollar). Auch hier entscheiden die Märkte und nicht die EZB. Da unser modernes Papiergeld ja selbst kaum einen eigenen Wert hat, sondern einen solchen nur über die Warendeckung repräsentiert, sind Währungen immer aufs Engste mit dem Vertrauen in sie selbst verbunden. Das Vertrauen in den Euro wächst also im Moment, das in den Dollar nimmt ab.

Die getroffenen positiven Feststellungen zum Euro heißen nun aber nicht, dass mit ihm alles „in Butter“ ist. Seine Kritiker haben durchaus Recht mit Hinweisen auf eine Reihe nicht oder schlecht gelöster Fragen. An allererster Stelle ist dabei darauf hinzuweisen, dass die 15 Mitgliedsstaaten – ab 2008 kommt die Slowakei dazu, noch keine gemeinsame Wirtschafts- und Haushaltspolitik betreiben. Das ist auf jeden Fall ein großer struktureller Nachteil.

Weiter wird der EZB vorgeworfen, nicht die optimalen geldpolitischen Berechnungsgrundlagen für ihre Entscheidungen zu nutzen, in den letzten Jahren eine zu starke Ausweitung der Geldmenge zugelassen zu haben und die Öffentlichkeit nicht ausreichend über ihre anstehenden Entscheidungen und deren Gründe zu informieren. Auch in diesen Punkten kann man die Kritiken teilweise nachvollziehen.

Das alles schmälert jedoch nicht die Erfolgsstory des Euro. Nach den ersten zehn Jahren Euro-Existenz kann man resümieren: die Eurokindheit war eine frohe, jetzt kommt die Periode der Pubertät (das „Flegelalter“). Diese wird mit Sicherheit auch deshalb schwieriger, weil die vor zehn Jahren gegebene Unterschätzung des Euro nun entfällt. Ich aber bleibe Optimist!

Bodo Lochmann

06/06/08

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