Zuletzt hatte ich einen Besprechungstermin bei meinem Lieblingsauftraggeber, eine Stiftung, die auf allen Ebenen höchstprofessionell arbeitet. Dort geht es immer pünktlich zu, die Texte sind fehlerfrei, Qualität steht an höchster Stelle, alle Mitarbeiter bewegen sich sicher durch die gängigen Sprachen und die Etikette. Niemand bekleckert sich beim Essen, die Bügelfalten sitzen an der richtigen Stelle, es hängt kein Fädchen, die Schuhe sind geputzt und die Fingernägel gefeilt.

Einerseits freue ich mich, dass ich ab und zu aus meinem Lotterleben herausgerissen werde, wo jeder jeden sofort duzt und die Auftraggeber vor lauter Schmusekurs das Wort nicht auf die Goldwaage legen, wenn sie denn meine Berichte überhaupt lesen. In der Stiftung geht es anders zu, hier wird man nicht geliebt, weil man nett und lustig ist, sondern respektiert, wenn man professionell und zuverlässig arbeitet. Das fühlt sich grundsätzlich und langfristig besser an, setzt mich aber andererseits unter Stress, da mir die Ordnung und Disziplin nicht in die Wiege gelegt wurden, sondern ich frei nach Maria Montessori gemäß dem Wohlfühlprinzip und unter Förderung von Kreativität und Individualität erzogen wurde.

Da ich nicht getauft wurde, konnte auch die Kirche keinen Ausgleich schaffen, so blieb die Etikette weitgehend auf der Strecke; was mir nicht fehlt, aber da mir die Benimmregeln nicht locker von der Hand gehen, muss ich mich vor feierlichen Anlässen höllisch konzentrieren. Da heißt es dann frühzeitig raus aus den Federn, um genug Zeit für alle Details und Eventualitäten zu haben; nicht am Frisieren, Bügeln und Schuheputzen sparen, um noch dreimal fünf Minuten länger schlummern zu können. Nein, es gilt, sich jedes Teil von Körper und Kleidung einzeln vorzuknöpfen und genauestens zu inspizieren.

Am besten, man fängt schon abends damit an und legt sich alles zurecht, um nicht in morgendlichen Stress zu geraten. Sonst ist man perfekt gestylt und vorbereitet, aber unpünktlich, weil man den Zug verpasst. Oder man ist pünktlich, hat dafür aber mindestens drei Dinge vergessen. Beides doof. Also, diesmal schon am Vortag und mit Konzept.

Als erstes die Beinkleider: Hosen sind immer heikel; entweder sie sind zu hell, dann sieht man jeden Flecken, oder sie sind zu dunkel, dann hebt sich jede Fluse ab. Sind sie zu lang, hängen sie mit dem Hosenbein im dreckigen Regenwasser; sind sie zu kurz, sehen andere die verschiedenen Socken. Besser ein Rock, Röcke sind immer chic. Ein bunter muss es sein, damit sich die Flecken und Flusen unauffällig ins Muster einfädeln, und ein bunter Rock lenkt vom Rest ab, der darf dann unauffällig sein, alles andere klassisch schwarz, da muss man dann nicht umständlich kombinieren.

Am besten ein Rollkragenpullover, da gibt es nichts zu bügeln, und man kann keine falschen Falten einbrennen. Eine Wollstrumpfhose, damit keine Laufmasche entsteht. Super, das war ja einfacher und ging ja schneller, als ich dachte! Noch die Büroutensilien zusammenpacken, darin habe ich inzwischen Routine. Fertig. Am nächsten Morgen nach der Dusche in die zurechtgelegten Sachen geschlüpft, die gepackte Tasche unter den Arm geklemmt und auf geht’s.

Am Bahnsteig musste ich allerdings feststellen, dass ich vergessen hatte, meine Stiefel zu putzen. Oh Schreck! Geputzte Schuhe gehören natürlich unbedingt zum Regelwerk der Etikette, und wenn es dann noch Stiefel sind… Ich flitzte schnell noch in ein Schuhgeschäft am Bahnhof, wo ich die Auswahl hatte zwischen der billigen, schnellen Lösung mit integriertem Schwämmchen und der teureren, hochwertigen Lösung mit dem Pflegeeffekt. Letzteres war natürlich dem Anlass angemessen, wie aber die hochwertige Lösung auf die schnelle auftragen? Mir wurde ein Tuch angeboten, das ich gratis dazu bekäme. Super, und nun aber ab in den Zug. Da die Fahrt zwei Stunden dauert, habe ich meine Stiefel mit aller Sorgfalt bis in jeden Winkel gewichst und gewienert. Blickte zufrieden auf die Stiefel. Und dann entsetzt auf meine Hände, die ich vor lauter Eifer komplett mit eingeschwärzt habe, bis unter die Fingernägel. Hätte ich doch besser das Schwämmchen …

Auf der Zugtoilette war der Seifenspender leer, na super! Meine Sitznachbarin hantierte mit ihrer Nagelfeile herum, aber mein Bauchgefühl sagte mir, dass eine Nagelfeile ein Intimwerkzeug ist und es sicher zur Etikette gehört, nicht um die Nagelfeile eines wildfremden Menschen zu bitten, erst recht, wenn man damit schwarze Schmiere entfernen will. Na, am Zielbahnhof würde ich schon irgendeine Möglichkeit finden, meine Hände zu reinigen. Ich entspannte mich also wieder und las erst mal die Zeitung, wodurch ich der Schuhwichse noch Druckerschwärze hinzufügte, und machte mir Notizen, wobei ich mich mit Tinte beschmierte. Denn natürlich reise ich zu wichtigen Geschäftsterminen mit edlem Füller und nicht mit einem 0815 Kugelschreiber. Aber darauf kam es jetzt auch nicht mehr an, eingesaut war ich eh.
Ich kam zu früh und konnte vor der Begegnung ausgiebig meine Hände schrubben. Jetzt waren sie rot statt schwarz, aber immerhin nicht mehr schmutzig. Mein Gesprächspartner kam zu spät, so saß ich schon, anstatt ihm mit meinen blitzenden Stiefeln entgegen zu stolzieren. Auch bei der Verabschiedung war er schneller weg, als ich gucken bzw. ihm meine Beine hinstrecken konnte. Hätte ich dicke Lehmklumpen am Schuhwerk gehabt, wäre das auch nicht weiter aufgefallen. Die ganze Aufregung war wieder mal, wie so oft im Leben, vollkommen umsonst. Trotzdem fühlte ich mich in geputztem Stiefelwerk und mit sauberen Händen wohler – ganz im Sinne von Frau Montessori. Vielleicht mache ich das mit dem Schuheputzen jetzt öfter.

Julia Siebert

30/10/09

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