Viktor Arndt ist Russlanddeutscher. Er wurde 1925 im Gebiet der später autonomen deutschen Wolgarepublik geboren, nach dem Einmarsch Hitlers in die Sowjetunion von dort ausgewiesen, nach Sibirien deportiert und war danach ein gutes Jahrzehnt in Haft. Anfang der 70er Jahre ist er ausgewandert und lebt seitdem im Herzen der ehemaligen DDR, in Leipzig.

Nach dem zweistündigen Besuch bei Viktor Arndt ist die Welt nicht mehr die selbe. Mit seinen 81 Jahren spricht er von seinem Leben, als gebe er einen Film wieder. Bei der russischen Variante der deutschen Pfannkuchen, den selbstgemachten Bliny, in Öl gebraten, gefüllt mit Schmand und einer süßen Kirschmarmelade, erzählt er seine Familien- und Lebensgeschichte: „Meine Vorfahren aus Hessen kamen 1767 an die Wolga. Die deutsche Zarin Katharina die Zweite lud ihre Landsleute ein, das Steppengebiet an der Wolga zu kultivieren.“ Diesem Aufruf folgten vor allem Siedler aus Baden, Hessen, der Pfalz und dem Rheinland, die in den Jahren 1764 bis 1767 dort ungefähr 100 Dörfer gründeten. Die Deutschen fanden im russischen Reich günstige Bedingungen vor und erhielten eine Reihe von Privilegien wie Religionsfreiheit, Befreiung vom Militärdienst, Selbstverwaltung auf lokaler Ebene mit Deutsch als Sprache, eine finanzielle Starthilfe und 30 Jahre Steuerfreiheit. „1936 wurde dann die „Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen“ gegründet, nachdem das Gebiet bereits nach der russischen Revolution ab 1918 unabhängig war. Sie hielt aber nicht lange. Nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion wurde die Wolgadeutsche Republik aufgelöst, und wir wurden verbannt.“  Zu dieser Zeit lebten in dem Gebiet im Süden Russlands etwa 600.000 Einwohner, wovon etwa zwei Drittel deutscher Abstammung waren. Nach dem Angriff Hitlers 1941 wurden die etwa 400.000 Wolgadeutschen der Kollaboration mit Deutschland beschuldigt und nach Sibirien und Zentralasien deportiert. Der freundliche Mann mit dem gemütlichen Bauch überrascht immer wieder damit, wie detailliert er seine Erinnerungen wiedergibt: „Die Kindheit an der Wolga war wunderbar, und die Natur mit dem Fluss und den endlosen Weiten der Steppe paradiesisch. Als Kinder saßen wir oft am Wasser und fischten. Wenn wir selbst nichts gefangen hatten, bekamen wir Suppe von anderen Anglern“, erzählt der fröhliche alte Herr. Das „R“ rollt besonders, sein Deutsch klingt wie ein Dialekt, ähnlich der ostsächsischen Lausitzer Mundart. Es macht Spaß, ihm zuzuhören, präzise berichtet er von seiner Vergangenheit. Im Kopf entstehen Bilder, erst farbenfroh und unbeschwert, doch später erschreckend schwarz. „Im August `41 beschloss das „Präsidium des Obersten Sowjets“ die Auflösung der Wolgarepublik und am 17. September begann man die Einwohner aus Warenburg, so hieß der größte Ort in der Gegend, in Güterwaggons zu verfrachten. Die fuhren dann über Kasachstan nach Sibirien.“

Ein Neuanfang in Deutschland

Wochenlang waren die Familien unterwegs ins Ungewisse. Wer die Fahrt überstand, wurde auseinander gerissen, wie Viktor Arndt beschreibt: „Am Bahnhof standen Menschen, und von uns Deutschen wurden immer sieben bis acht Familien in ein Dorf mitgenommen. So verstreute man uns,und aus der Immigration wurde über die Jahre eine Assimilation, die deutsche Sprache und Kultur vermischten sich mit der russischen.“

Die Flucht aus der Taiga

So geschah es auch seiner Familie, die im Gebiet nahe Nowosibirsk angesiedelt wurde. „Bis zum Dezember 1942 habe ich dort in einer Kolchose gearbeitet, danach musste ich zum Arbeitsdienst, zum Militär durften wir ja nicht. So musste ich in den Ural in ein Lager, ähnlich den deutschen Konzentrationslagern.“ Wieder scheint es so, als wäre es nicht sein Leben über das er spricht. Gefasst, fast emotionslos erzählt Viktor Arndt vom Tod vieler Menschen. Die Erlebnisse sind verdrängt, weit weg für ihn. Nur die Stimme bebt ein bisschen. Genauer erläutert wird dieses Thema nicht, es ist spürbar, dass schreckliche Bilder in ihm auftauchen, auch wenn er nur im Ansatz das erste Arbeitslager erwähnt. „Am 13. April 1943 bin ich mit drei Kameraden desertiert. Wir waren zum Holzfällen inmitten der Taiga. Weil es dort sowieso weit und breit nichts gab außer vier bis fünf Meter hohem Schnee, hatten wir auch keine Wachen. Wir sind dann einfach los, naiv wie wir waren mit unseren 17 Jahren. Und natürlich haben sie uns gefasst.“ Die Strafe – acht Jahre Gefängnis im Nordural. Dort wurde er schwer krank. Was es war, verrät er nicht und redet schnell weiter, so als möchte er diese Zeit übergehen, sich nicht zu sehr damit auseinander setzen. Die Bilder: Es scheint fast so, als blitzen sie hinter seinen leuchtenden, wachen, blauen Augen auf und werfen düstere Schatten. „Aufgrund der Krankheit wurde ich als Invalide eingestuft und aussortiert. Wir mussten dann 200 Kilometer nach Solikomsk zur Torfgewinnung durch den Ural laufen, ohne Essen oder besondere Kleidung. Doch ich war krank, kam später in ein Hospital und wurde dort nach einer langen Zeit als Invalide bestätigt. Das war meine Rettung, denn so durfte ich nach Hause.“

Die Erleichterung darüber ist Viktor Arndt noch heute anzumerken. Er fuhr zurück zu seiner Familie. Doch daheim warteten nur noch seine Mutter und eine ihm sehr nahe stehende Tante. Sein Vater war schon vor Jahren verhaftet und ermordet worden. Die Freude über die Rückkehr währte jedoch nicht lange, wie er mit einer Selbstverständlichkeit erzählt, als wäre es der natürliche Lauf der Dinge: „Es war ´46. Ich war mit meiner Tante auf dem Weg zurück nach Hause. Wir hatten einer alten Oma bei der Kartoffelernte geholfen. Das war etwas nördlich von Nowosibirsk. Damals durften wir uns nicht von unseren Dörfern entfernen, außer wir hatten Genehmigungen, die es natürlich nicht gab. Doch Nowosibirsk war so nahe, und deshalb machten wir uns keine ernsthaften Sorgen. Auf dem Rückweg haben sie mich geschnappt, meine Tante blieb verschont. Ich bekam fünf Jahre Straflager in Krasnojarsk. Dort blieb ich bis 1952.“ Bis hierher ist es schon mehr als ein Jahrzehnt, dass der damals noch nicht einmal 30-Jährige in Gefangenschaft verbracht hatte. Es erstaunt, dass dieser Mann nicht voller Frust, Hass oder Verzweiflung ist. Das Gegenteil ist der Fall. Während er immer wieder neue Episoden seines Lebens erzählt, schaut er freundlich auf, greift beherzt zu den Pfannkuchen und genießt sie mit reichlich Zucker und Kaffee. „1952 kam ich dann zurück nach Sibirien, holte mein Abitur nach und wurde Deutschlehrer. Ich habe die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen sehr geliebt. Doch die Partei sah das anders und fand mein Engagement für die deutsch-sowjetische Freundschaft wohl etwas zu groß. Ich fühlte mich ausgegrenzt und stellte daraufhin einen Antrag zur Ausreise in die DDR.“ Er lacht dabei und erzählt, dass er nicht wusste, dass die Immigration in die DDR viel schwieriger war als in die Bundesrepublik. „Vielleicht wäre ich dann drüben gelandet.“

Die Familie ist vereint

Aber hastig sagt er: „Doch ich bin froh, dass ich in Leipzig bin und würde diese Stadt auch gegen keine andere eintauschen wollen.“ 1964 wurden die Wolga- und anderen Russlanddeutschen offiziell vom Vorwurf der Kollaboration befreit und die Bundesrepublik Deutschland ermöglichte ihnen seit den 1970er Jahren die Ausreise in die Bundesrepu-blik. Viktor Arndt ist seit dem 28. September 1971 in Leipzig und hat sich sehr schnell wohl gefühlt. Die Anfangszeit in seiner neuen Heimat beschreibt er so: „Sprachlich hatte ich keine Probleme, und Arbeit zu finden war auch nicht schwer. Ich hätte auch wieder Deutsch unterrichten können, bin dann aber als Übersetzer zu Intertext gegangen. Mittlerweile habe ich gute Freunde gefunden, nicht viele, aber dafür wirklich sehr gute.“

Im Laufe der Jahre sind auch seine Mutter und ihre Schwester, seine Tante, nach Leipzig gekommen. Eigentlich wollten sie mit ihm zusammen nach Deutschland einreisen, doch die Anträge wurden abgelehnt. Viktor Arndt hat sehr dafür gekämpft, dass die Familie wieder gemeinsam leben konnte. „Das war ein unglaublicher Aufwand. Gleich nach meiner Ankunft habe ich angefangen, mit den Behörden zu sprechen, bin nach Berlin gefahren und auf die verschiedenen Stellen hier in Leipzig. Sie behaupteten, dass die Wohnung in der ich wohne, mit ihren 40 Quadratmetern zu klein für drei Personen sei, dabei hätten sie mal sehen sollen, wie wir in Sibirien gehaust hatten. Sie hatten ja keine Ahnung!“ Letztlich schaffte er es. Bald nach seinem Einzug in Leipzig empfing er sowohl seine Mutter, als auch seine Tante. 1973 kamen auch seine beiden jüngeren Brüder nach. „Heute ist das ja schon anders mit den Russlanddeutschen, die hierher wollen. Die Sprache ist nun mal der Schlüssel zur Integration. Viele sprechen kaum Deutsch, eine alte Oma ist sozusagen die Lokomotive, die den ganzen Zug der Familie mit sich nach Deutschland zieht. Angelockt von materiellen Gütern verlassen sie ihre Heimat. Ich sage ganz klar: Wer sich zu Hause in der ehemaligen Sowjetunion mit dem Leben ganz gut arrangiert hat, der sollte dort bleiben.“ Plötzlich streift Melancholie sein Gesicht, und auf die Frage, wo seine Heimat sei, antwortet er viel leiser als zuvor: „Ich habe keine Heimat mehr.“

In den 80er Jahren war er noch einmal beruflich in Kiew und schloss eine Reise in die Wolgaregion an. Er hält inne und fängt an zu erzählen: „Das war ganz furchtbar. Von dem, was ich kenne, ist nichts mehr übrig, weder unser Dorf noch die Wälder ringsherum. Ich fühle mich hier in Leipzig zu Hause, aber eine Heimat habe ich nicht mehr. Es ist das Schlimmste, wenn man das sagen muss.“ Er schweigt kurz und wechselt schnell das Thema, spricht von der tiefen Krise, in der Deutschland gerade stecke, vom Kapitalismus und Sozialismus. Dann steht er auf und holt ein kleines Büchlein. Es ist recht alt und mit handschriftlichen Notizen und eingeklebten Zetteln gefüllt. Nach wenigen Sekunden hat er gefunden, was er suchte – ein Zitat von Marx. Es ist erstaunlich wie politisch interessiert sich der 81-Jährige zeigt. Hunderte deutsche und russische Bücher füllen die Regale in seiner kleinen Wohnung. Natürlich gelte sein Hauptinteresse „seinen beiden Ländern“. Sie liegen ihm sehr am Herzen, wie er mehrmals im Verlauf des Gesprächs betont: „Deutschland ist das Land meiner Vorfahren. Jede negative Entwicklung, wie der Wegzug vieler junger Leute und Akademiker, tut mir in der Seele weh. Ich leide und lebe mit und für Deutschland.“ Zu Russland verhalte es sich genauso, nur sei es ihm in den letzten Jahren fremd geworden. Er wird ruhiger und sagt: „Ich beschwere mich nicht, ich bereue auch nichts. Überall wo ich war, bin ich guten Menschen begegnet, denen ich auch mein Leben verdanke.“ Dann fällt der Blick wieder auf die Bliny und eine leere Kaffeetasse. Er greift zu, und schnell sind die Teller und Tassen wieder gefüllt, ein Lächeln liegt in der Luft. So unglaublich wie diese Geschichte in nur ein Leben passt, so unglaublich ist es, dass es Tausende gibt, die sie erzählen könnten.

Von Natascha Heinrich

16/06/06

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