„Unabhängiger Journalismus kann Konflikte vermeiden“

Nurschan Bejsembajew
Nurschan Bejsembajew. | Foto: privat

Im CrossCulture-Programm können sich junge Berufstätige um einen Praktikumsplatz in Deutschland bewerben. Jedes Jahr nehmen um die 80 Menschen aus Ländern der Östlichen Partnerschaft, islamisch geprägten Staaten und Russland daran teil. Einer von ihnen ist Nurschan Bejsembajew, der 2013 als Stipendiat am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg war.

Mitte der 1990er Jahre ist Nurschan Bejsembajew Anfang 20. Sein Heimatland ist gerade unabhängig geworden. Sein Studium hat er aus familiären Gründen abgebrochen. Doch nun bietet sich ihm die Möglichkeit, im Bereich der internationalen Entwicklungszusammenarbeit tätig zu werden. Im Rahmen des Programms TACIS der Europäischen Union arbeitet er als nationaler Beobachter für die Implementierung von Projekten, die auf institutionelle Reformen, die Entwicklung der Infrastruktur und wirtschaftliche Privatisierung zielen.

Der junge Mann ist begeistert, die internationale Entwicklungsarbeit macht er zu seinem Metier: „Ich fand es toll, wie die internationale Entwicklungszusammenarbeit die Herausforderungen der Entwicklungsländer auffängt, um diese auf dem Weg zu einer funktionierenden Wirtschaft und zu Wohlstand für alle zu begleiten.“ Um das besser umzusetzen, nimmt er noch einmal ein Studium auf. An der Kasachischen Universität für Wirtschaft, Finanzen und Internationalen Handel macht er seinen Abschluss in Wirtschaft.

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Medien als Akteure der Friedenssicherung

Bejsembajew wird Projektmanager bei der US-amerikanischen NGO „Internews“. Als Koordinator eines Projektes zur rechtlichen Unterstützung von Massenmedien  arbeitet er an der Schnittstelle zwischen Medien und Gesetzgebung. Ziel ist die Weiterentwicklung der rechtlichen Rahmenbedingungen für Journalisten in Zentralasien, um ihre tägliche Arbeit einfacher zu machen. „Unabhängiger Journalismus ist auf lange Sicht unglaublich wichtig, um stabilen Frieden zu schaffen und Konflikte zu vermeiden. Aktuell kann man das sehr deutlich in Russland sehen, wo Medien oft sehr tendenziös berichten“, erklärt er.

2013 entschließt sich Bejsembajew für eine Bewerbung beim CrossCulture-Programm des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa).  „Ich wollte sehen, wie eine deutsche NGO funktioniert“, erzählt er. Seine Überzeugung, dass guter Journalismus Konflikte vermeiden kann, führt ihn jedoch ans unabhängige und interdisziplinäre Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) an der Universität Hamburg. „Aufgrund meines zentralasiatischen Hintergrunds und meiner Erfahrung in der Zusammenarbeit mit der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, wurde ich dem Zentrum für OSZE-Forschung zugeteilt“, so Bejsembajew weiter.

Dort ist seine Berufserfahrung als Projektmanager gefragt:  Während seines sechswöchigen Aufenthalts hat er die Aufgabe, Finanzierungsmöglichkeiten für das Institut zu suchen und ein Konzeptpapier für zukünftige Projektanträge zu erstellen. Daneben nimmt er am Institutsleben teil: Koordinationstreffen, Workshops, Diskussionen und Treffen mit Vertretern des OSZE-Büros in Duschanbe, Tadschikistan stehen auf der Agenda.

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Doppelte CrossCulture-Erfahrung

Fünf Jahre später ist dem CCP-Teilnehmer nicht nur der Einblick in die deutsche Arbeits- und Forschungswelt noch in Erinnerung, sondern auch die Qualität der deutschen Straßen, die vielen Fahrräder und das öffentliche Nahverkehrssystem. Besonders prägend sind jedoch die Besuche von vier KZ-Gedenkstätten: „Da viele der Inhaftierten der Konzentrationslager aus der Sowjetunion kamen, empfand ich es als meine moralische Pflicht, die Stätten zu besuchen. Ich wollte nachvollziehen, was diese Leute erleiden mussten. Unter den sowjetischen Gefangenen in Bergen-Belsen waren auch mindestens drei Kasachen.“

Die Art und Weise, wie Deutschland seine nationalsozialistische Vergangenheit aufarbeitet, beeindruckt ihn. Eine Vergangenheitsbewältigung, die er sich auch in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion wünschen würde. „Die Besuche waren für mich eine wichtige Erfahrung, die sehr emotional und erschütternd war. Sie erinnerte mich daran, wie fragil unsere Zivilisation doch ist und wie gefährlich die hetzerische Rhetorik mancher Politiker auch heute sein kann“, sagt er.

Für Bejsembajew war der Aufenthalt in Deutschland und die Mitarbeit am IFSH eine wichtige und nützliche Erfahrung. Der akademische und theoretische Zugang hat es ihm ermöglicht, seine praxisnahe Arbeit in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit in einen größeren Kontext einzubetten. Auch persönlich hat ihn der Aufenthalt in Deutschland nachhaltig geprägt: „Hamburg ist meine zweite Heimatstadt geworden.“

Erfahrungsberichte und weiterführende Informationen zu CrossCulture Praktika finden Sie online unter: https://www.ifa.de/foerderung/crossculture-programm.html