Mit 74 Medaillen, davon 32 Gold, führte Kasachstan den Medaillenspiegel der sechsten World Nomad Games an. Aber auch deutsche Sportlerinnen und Sportler reisten für die Großveranstaltung nach Kirgisistan – unter ihnen die Bogenschützin Stephanie Behrendt aus Wetzlar.
Stephanie Behrendt und Teamkollegin Verena Hohoff sitzen auf einer saftig grünen kirgisischen Wiese und warten auf das Startsignal für ihren anstehenden Wettkampf. Und das lässt auf sich warten. Es ist Freitag, der 4. September. Die beiden deutschen Bogenschützinnen treten gleich im „koreanischen Bogenschießen” an, einem Demo-Wettbewerb im Rahmen der World Nomad Games. Geschossen wird über 145 Meter. Nach der kirgisischen und türkischen Variation, die in den vergangenen Tagen ausgetragen wurden, ist es der dritte und letzte Wettkampf für die beiden.
Das „gleich” ist auf hiesiger Zeitskala jedoch eher analog zu einem: „Ja, ich bringe den Müll gleich runter”, als zu einem „gleich ist die Ampel wieder rot” zu verstehen. Es kann also sein, dass es erst in zwei Stunden losgeht. So ganz weiß das keiner. Auch Behrendt nicht. Aber man hat ja Zeit.
Auch in anderen Disziplinen sind deutsche Sportlerinnen und Sportler vertreten, unter anderem beim berittenen Bogenschießen, im Mas-Wrestling, bei den als „Mindgames” bezeichneten Strategiespielen und in einer der Kampfsportdisziplinen. Behrendt übernimmt die Organisation des kompletten deutschen Teams.
Es sind die sechsten World Nomad Games. „Das Olympia der nomadischen Sportarten” findet seit 2014 alle zwei Jahre statt. 2026 kehren die Spiele dorthin zurück, wo 2014 alles begann: nach Kirgisistan.
Gut eine Woche lang messen sich Sportlerinnen und Sportler aus mehr als 100 Nationen in den hierzulande traditionellen und kulturell tief verwurzelten Disziplinen. Dazu gehören unter anderem Wrestling, Pferderennen, traditionelle Jagdformen und Strategiespiele wie das kirgisische „Ordo”.
Reitspiel mit Ziegenkadaver
Ein besonderes Highlight ist „Kok-Boru” – ein Reitspiel, bei dem zwei Mannschaften zu Pferd versuchen, einen Ziegenkadaver vom Boden aufzuheben und im gegnerischen Tor zu versenken. Angetreten wird aber auch im Bogenschießen – beritten und vom Boden aus.
Behrendt stieß über den Reitsport auf das Bogenschießen. „Ich reite schon seit Ewigkeiten, dann kam es dazu, dass ich dachte, ich könnte so berittenes Bogenschießen mal probieren, mehr so als Gag, das war noch zu Studienzeiten”, erinnert sich die 43-Jährige. Die Idee verlor sie allerdings mangels eigenen Pferds und Bogens damals schnell wieder aus den Augen.
Über ihre Freundin Verena Hohoff und einen zufällig zum Verkauf stehenden Bogen nahm sie den Gedanken später wieder auf. „Ich bin dann schnell auf die Idee gekommen, dass eben das Bogenschießen auch zu Fuß ganz interessant ist. Mit Pferd ist das immer so ein Aufwand, zu Fuß nimmt man seinen Bogen und schießt los”, erzählt die Lehrerin aus Wetzlar. Gelegentlich schießt sie auch vom Pferd aus, allerdings nicht konkurrenzfähig. Was sie an dem Sport besonders reizt, ist die Zeit, die sie damit verbringt, durch die Natur zu streifen.
Verena Hohoff schenkte ihrem damaligen Partner einen Bogenbaukurs und fuhr mehr oder weniger lustlos mit. Dann packte auch sie die Begeisterung. Mittlerweile ist der Sport für sie zu einem wichtigen Ausgleich geworden: „Das Gehirn konzentriert sich nur auf den Pfeil oder auf das Ziel, deswegen kann man gar nicht an anderen Kram denken.”
Für die beiden Mitglieder des Vereins Thumb Archery Germany e.V. ist es nicht das erste Mal bei den World Nomad Games. „Wir waren selbst 2018 hier in Kirgisistan und 2024 in Kasachstan”, erzählt Behrendt, „2018 war es natürlich genial, da habe ich hier auch was gewonnen.” Damals wurde sie Erste beim „koreanischen Schießen” über 120 Meter und Dritte beim „Flight-Schießen”, bei dem es darum geht, den Pfeil möglichst weit fliegen zu lassen.
„Mittlerweile haben sich gerade die Frauen so professionalisiert, dass mir das, glaube ich, nicht mehr passiert”, mutmaßt sie. Während der traditionelle Sport in Deutschland noch immer kaum Sichtbarkeit genieße, sei das andernorts anders: „Die haben die professionellsten Trainingsmethoden und trainieren jeden Tag mehrere Stunden, da kann man dann nicht mithalten.”
„Es ist schon gigantisch”
Während diese traditionellen Sportarten in Deutschland weiterhin eher ein Nischeninteresse bleiben, sieht das in Kirgisistan und generell in Zentralasien anders aus. Zu den diesjährigen World Nomad Games kamen den Veranstaltern zufolge insgesamt mehr als 200.000 Besucherinnen und Besucher.
Die Eröffnungszeremonie fand am Montagabend, dem 31. August im Bischkeker Arena-Stadion vor 30.000 Zuschauenden statt und wurde international ausgestrahlt.
„Es ist schon gigantisch. In Deutschland sind traditionelle Bogenschützen völlig abseits der öffentlichen Wahrnehmung. Hier marschiert man in einem Stadion mit 50.000 Plätzen ein, vor vielen Staatschefs, die wir zwar nicht alle kennen, aber es ist schon eine beeindruckende Kulisse”, erzählt Behrendt.
Zur Eröffnungsfeier reisten unter anderem der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan und Russlands Präsident Wladimir Putin an. Auch der kasachische Präsident Kassym-Schomart Tokajew kam für die Feierlichkeiten nach Bischkek.
Die Größenordnung und die internationale Sichtbarkeit der Veranstaltung sind in Deutschland noch nicht so ganz angekommen. „Es geht halt nicht nur um die sportlichen Leistungen, sondern es geht auch darum, Deutschland angemessen zu repräsentieren”, sagt die Beamtin. Dafür traf sie unter anderem einen Bundestagsabgeordneten und mehrere Vertreter der Botschaft. Bei den vergangenen Spielen gab sie außerdem Interviews, die damals um die ganze Welt gingen.
Zwischen kirgisischen Nationalspeisen und französischen Bonbons
Die Sportwettkämpfe machen jedoch nur einen Teil der World Nomad Games aus. In dem Ethnodorf in der Kyrchyn-Schlucht wird gegessen, gesungen, getanzt, geritten und geschaukelt. Zwischen Jurten traben Pferdetaxis. Es werden handgemachte Souvenirs und traditionelle Gerichte der Nomadenküche verkauft.
Männer mit „Ak-Kalpak”, einem typisch kirgisischen Filzhut, sitzen auf den Rängen und schauen beim „Shamdagaylar” zu, dem Wettbewerb um das schnellste Auf- und Abbauen einer Jurte. Eine Gruppe an Frauen trägt den „Elechek”, eine traditionelle turbanartige Kopfbedeckung, und tanzt zu kirgisischer Musik.
Auf der Wiese unweit der Schießstände hat sich eine Sportlerin aus Frankreich zu den Deutschen gesellt und verteilt französische Bonbons. „Ich habe gesehen, wir schießen wieder nebeneinander heute”, richtet sich Behrendt hocherfreut an die Konkurrentin. „2024 haben wir Gesicht an Gesicht geschossen, sie ist nämlich Linkshänderin und ich Rechtshänderin”, erklärt sie lachend.

Solche Begegnungen, dieser Austausch mit Teilnehmenden aus aller Welt, sind für sie ein wichtiger Teil der World Nomad Games: „Da wir jetzt schon öfter auf internationalen Turnieren waren, trifft man immer Leute, die man schon länger kennt, und tauscht sich wieder aus und dann kommen noch ein paar Neue dazu…“ Der Pool an potentiellen Kontakten ist groß:
80 Bogenschützinnen und 120 Bogenschützen nehmen dieses Jahr teil. Pro Nation sind maximal drei Frauen und drei Männer zugelassen.
Darüber hinaus waren für sie in diesem Jahr vor allem die Adlerwettbewerbe besonders beeindruckend. Und ein persönliches Highlight ist natürlich auch immer eine gut geschossene Runde.
Auch nach den Wettkämpfen bestätigt sich: Zeit bleibt ein dehnbares Konstrukt: „Die genauen Ergebnisse haben wir tatsächlich immer noch nicht. Aber wir waren immer im guten Mittelfeld. Unsere beste Platzierung war ein sechster Platz beim koreanischen Bogenschießen”, erklärt Behrendt in der Woche nach den Wettkämpfen. Den hat sich ihre Teamkollegin Meike Stamer geholt.

























