Am 10. Januar hat eine Spezialeinheit in einer Antiterroraktion in Almaty eine Gruppe Ausländer festgenommen, welche im Verdacht steht, islamistisch motivierte Anschläge geplant zu haben. Zum ersten Mal wurde ich mit dieser mir bis dato völlig fernen, abstrakten Gefahr namens Terrorismus konfrontiert, als ich 2010 nach Russland kam.

Es war die Zeit der Metroanschläge in Moskau und St. Petersburg. Die Zeit, als in Südrussland Linienbusse in die Luft gesprengt wurden – eine späte Welle nordkaukasischer Racheaktionen. In den Universitäten und Wohnheimen hingen Hinweisschilder zum richtigen Verhalten bei Geiselnahmen und Anschlägen. Zu Evakuierungen aufgrund von Bombendrohungen kam es wöchentlich. Zum Glück stellten sich diese in meinem Fall immer als falsch heraus. Für mich als unbedarfter, naiver, blasser Junge aus der fränkischen Provinz, der lediglich Feueralarmübungen aus der Grundschule kannte, war das schockierend.

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Dann kam ich nach Almaty, und lernte eine neue Gefahr kennen: Erdbeben. Ich spürte zum ersten Mal am eigenen Leibe, wie der Boden wackelt, und lernte das richtige Verhalten im Ernstfall: sich in den Türbogen stellen und von den Treppen wegbleiben. Fatalismus stellte sich ob der Machtlosigkeit gegenüber Naturgewalten und Terrorakten ein. Doch ich lernte auch, dass die wahre Gefahr in Zentralasien ganz woanders lauert: im Straßenverkehr! Bus- und Taxifahrer, welche in lebensgefährlichen Überholmanövern viel zu schnell über viel zu schlechte Straßen rasen und den Sicherheitsgurt als persönliche Beleidigung auffassen.

Jeder Expat in Almaty wird die Trasse Almaty-Bischkek und die Fahrweise der Taxifahrer nur zur Genüge kennen. In der vergangenen Woche fuhr ich mit einem Bekannten aus Deutschland nach Bischkek. Ich konnte auf der Fahrt ganz gut schlafen und mich ausruhen. Mein Freund, wie ich hinterher erfuhr, überstand die dreistündige Fahrt nur unter Todesängsten, schweißgebadet und sich mit den Fingern in die Sitzlehne krallend. Ein heftiger Autounfall auf halber Strecke rief allerdings auch mir zumindest kurzzeitig ins Gedächtnis: Diesmal haben wir wieder Glück gehabt, aber die Gefahr ist real.

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Doch das ist noch nicht das Schlimmste, was mir zum neuen Jahr blühte. In Deutschland wünscht man sich ja, absolut fahrlässig und sich der Konsequenzen überhaupt nicht bewusst, jedes Jahr aufs Neue „einen guten Rutsch“. In Almaty ist nun die Jahreszeit, in der Schnee und Matsch zu einer steinharten, rutschigen Eiskruste auf Straßen und Gehwegen zusammenfrieren. Und da ist es jetzt auch mir passiert, trotz aller Vorsicht: Einmal kurz nicht aufgepasst und schon bin ich auf eine spiegelglatte Eisbeule im Boden getreten. Es zog mir sofort die Beine weg und ich rutschte haltlos nach rechts in den Graben, mitten in eine Matschpfütze. Die ganze Hose war mit einer dicken, braunen Lehmschicht eingesaut. Ein super Start ins neue Jahr!

Doch auch das ist nicht alles: Ende Dezember wurde eine arme Seele direkt vor meinem Haus von einem Eiszapfen erschlagen. Man sagt, statistisch gesehen sterben die meisten Menschen in den eigenen vier Wänden. Also ist daheimbleiben wohl auch keine Lösung. Bis dahin bleibt mir als Fatalist wohl doch nur die Hoffnung, dass beim nächsten Mal, wenn ich vor die Türe trete, ich mir beim Ausrutschen nicht das Genick breche oder nicht mir der Eiszapfen auf den Kopf fällt. Alles andere liegt wohl in den Händen meines zentralasiatischen Schicksals.

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