Am 11. September 2026 empfing der Bayerische Landtag eine Delegation von Wolgadeutschen aus Argentinien. Organisiert wurde der Besuch von der Berliner Riwwel gUG. Auf dem Programm stand eine Führung durch den Landtag.

Zu den Gästen zählten Gustavo René Hein, Präsident des Abgeordnetenhauses der argentinischen Provinz Entre Ríos, Prof. Dr. Bernd Fabritius, Bundesbeauftragter für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, sowie Ulrike Scharf, Bayerische Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales.

Im Mittelpunkt standen zwei Themen: der Ausbau der Regionalpartnerschaft zwischen Bayern und Entre Ríos sowie die Geschichte und das kulturelle Erbe der Wolgadeutschen in beiden Regionen.

Anschließend organisierte die Riwwel gUG ein weiteres Treffen im Haus des Deutschen Ostens (HDO). Dr. Petra Loibl, Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene, eröffnete die Veranstaltung. Neben weiteren Vorträgen sprach Silvia Huber aus der argentinisch-deutschen Delegation über einen besonderen geschichtlichen Hintergrund.

Silvia Huber: „Das vererbte Schweigen“

In ihrem Vortrag beschäftigte sich Silvia Huber mit den seelischen Folgen der Migration wolgadeutscher Familien nach Argentinien. Als Nachfahrin in vierter Generation berichtete sie, wie stark die Erfahrungen ihrer Vorfahren das Familienleben bis in die Gegenwart geprägt hätten.

Viele Auswanderer hätten ihre Heimat aus Not verlassen und in der neuen Umgebung vor allem ums Überleben kämpfen müssen. Für Trauer, Einsamkeit und Heimweh sei kaum Raum geblieben. Während die gemeinsame Geschichte der Wolgadeutschen mit ihren Bräuchen und Traditionen überliefert worden sei, seien persönliche Gefühle und Erfahrungen häufig unausgesprochen geblieben.

Nach Hubers Einschätzung verschwand der Schmerz durch das Schweigen jedoch nicht. Er habe sich auf unterschiedliche Weise im Alltag gezeigt, etwa durch emotionale Verschlossenheit, übermäßige Arbeit, Angst vor Armut oder das Gefühl, nicht dazuzugehören. Belastende Erfahrungen und daraus entstandene Überzeugungen hätten so auch das Leben der nachfolgenden Generationen beeinflusst.

Huber verwies zudem auf die schwierigen Lebensbedingungen vieler Nachkommen. Manche Kinder hätten schon früh auf den Feldern arbeiten müssen und dadurch nur eingeschränkte Bildungschancen gehabt. Das Streben nach Sicherheit und wirtschaftlichem Erfolg sei für viele Familien wichtig gewesen, habe aber auch dazu führen können, dass Erholung und persönliche Bedürfnisse zu kurz kamen. Das Gefühl, wegen Sprache, Aussehen oder Bräuchen anders zu sein, habe die Gemeinschaft zusätzlich geprägt und teilweise zu Abgrenzung geführt.

Huber betonte, dass nicht jedes schmerzhafte Erlebnis zwangsläufig zu einem Trauma führe. Entscheidend sei auch, wie Menschen das Erlebte verarbeiten und ob sie Unterstützung erfahren. Gerade deshalb sei es wichtig, Gefühle ausdrücken zu können und sich nicht für die eigene Verletzlichkeit zu verurteilen.

Für die jüngeren Generationen sieht Huber die Aufgabe darin, die Geschichte der Vorfahren nicht nur als Geschichte des Überlebens, sondern auch in ihrer menschlichen und emotionalen Dimension zu betrachten. Wenn das Schweigen über Verlust und Entwurzelung nachlasse, könne das Verständnis füreinander wachsen und die Weitergabe belastender Erfahrungen unterbrochen werden. Offenheit und Austausch eröffneten die Möglichkeit, das Erlebte einzuordnen und einen eigenen Weg der Aufarbeitung zu finden.

Silvia Hubers Vortrag fand großen Anklang. Das Projekt „Besuch der argentinischen Delegation der Wolgadeutschen in Deutschland“ wurde ehrenamtlich von der Riwwel gUG organisiert. Beim Besuch in München erhielt die Organisation Unterstützung vom Haus des Deutschen Ostens (HDO).

Leo Rung

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