Konferenzen als Sprungbrett

Philipp Theuring | Foto: Anne Grundig

Vom 19. bis 23. September fand das „Central Asia Water Future Forum & Expo“ in Almaty statt. Die Weltbank rief die viertägige Konferenz ins Leben, um Denker und Macher im Bereich Wassermanagement zusammenzuführen. Ziel war es, sich untereinander über aktuelle sowie neue Technologien zur Wassernutzung auszutauschen. Hierfür gab es eine Ausstellung, auf der auch Dipl. Geograf Philipp Theuring (36) moderne Mess– und Überwachungstechniken vorstellte.

Worin liegt die Intention der Weltbank, Entscheidungsträger und Hersteller von Technologien zur Wasserüberwachung zusammenzuführen?
Der Gedanke ist es, die sechs zentralasiatischen Länder zusammenzubringen, um die Kooperation zu verbessern, Daten auszutauschen bzw. eine Überwachung aufzubauen, die uns ermöglicht, die Ressource Wasser effizienter zu nutzen. Die vorhandenen Messnetze funktionieren nicht wirklich, und wenn sie funktionieren, dann werden die Daten nur teilweise ausgetauscht. Das heißt, die Unterlieger (Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan) wissen nicht, was die Oberlieger (Tadschikistan, Kirgisistan und Afghanistan) mit dem Wasser machen. Das kann zu Konflikten führen, die wir durch moderne Technologie vermeiden wollen. Die Konferenz bringt die Verantwortlichen der einzelnen Länder zusammen und informiert sie, was es für technische Möglichkeiten gibt. Hierfür gibt es die Technikpräsentation mit Vertretern aus allen Ländern.

Das heißt, es gibt einen großen Bedarf, die Monitoring-Überwachung der Wassernetze in Zentralasien auszubauen?
Ja, definitiv. Nicht nur auszubauen, sondern auch in Gang zu halten. Die Messtechniken werden finanziert und installiert, aber die Wartung ist zu schlecht oder gar nicht vorhanden, sodass am Ende keine Daten herauskommen.

„Das Kernproblem liegt demnach im unterschiedlichen Anreiz, das Flusswasser zu nutzen.“

Worin liegt das Kernproblem der grenzüberschreitenden Wassernutzung, das eine Monitoring-Überwachung notwendig macht?
Das Flusssystem „Aralsee“ umfasst die sechs Anlieger: Kirgisistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan, Turkmenistan und Afghanistan. Zu Sowjetzeiten hat Moskau die Wassernutzung zentral geleitet. Das Flusseinzugsgebiet wurde demnach einheitlich, zentral gemanagt. Im Tal betrieben die Menschen Bewässerungsfeldbau mit den Folgen, dass der Aralsee auszutrocknen begann. Es entstanden industrielle – sowie landwirtschaftliche Nutzflächen, die noch heute existieren und von den Unterliegern bewässert werden wollen. Die Oberlieger versuchen, das Wasser anderweitig zu nutzen. Was macht man mit Wasser im Gebirge, wo Landwirtschaft kaum möglich ist? Man baut einen Staudamm und produziert Wasserenergie. Tadschikistan besitzt die höchsten Staudämme in Zentralasien und exportiert Strom ins Ausland. Das Kernproblem liegt demnach im unterschiedlichen Anreiz, das Flusswasser zu nutzen. Die Oberanlieger benötigen das Wasser zur Energiegewinnung und die Unterlieger zur Bewässerung der Landwirtschaft. Die einen brauchen das Wasser vor allem während der Vegetationsperiode und die anderen sind bestrebt, Wasser permanent für die Stromgewinnung zu nutzen. Sie lassen das Wasser auch im Winter fließen, wodurch es nutzlos die Felder der Unterlieger flutet. Die Anlieger müssen den Fluss als Gesamtsystem managen, d. h. unabhängig von regionalen, kommunalen oder nationalen Grenzen. Das ist die Herausforderung.

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Helfen Konferenzen wie das „Central Asia Water Future Forum & Expo“, die Kommunikation zwischen den Anliegern zu stärken?
Es ist ein Prozess. Das Problem ist nach einer Konferenz nicht gelöst. Das Verständnis ist bei den meisten Beteiligten vorhanden. Es gibt viele Fachleute aus Ämtern, Ministerien und Entwicklungsorganisationen. Der Wille ist da und auf der anderen Seite auch wieder nicht, da jeder für sein Land und seine Behörde das Beste will.

Wie schätzen Sie die Unterstützung aus Deutschland ein?
Die ist relativ groß. Hier bei dieser Konferenz waren die Deutschen wenig vertreten, aber allgemein engagiert sich Deutschland sehr im Bereich Wassermanagement in Zentralasien.

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Inwieweit spielt die moderne Mess-und Überwachungstechnik eine Rolle, um das Wassermanagement in Zentralasien zu verbessern?
Teilweise wissen wir nicht, wie viel Wasser woher und wohin fließt. Wenn wir sagen, wir wollen ein Flusseinzugsgebiet managen, müssen wir zunächst wissen, wie viel von A nach B fließt und in welchem Zeitraum. Hierfür brauchen wir Messtechniken, die es ermöglichen, Daten zu erfassen und Wassermassen allumfassende zu managen. Ganz toll wäre ein Zentralserver, über den die beteiligten Länder ihre Daten austauschen könnten. Aber das ist Zukunftsmusik. Gegenwärtig fehlt uns der Überblick über die Wassermengen, um sie vernünftig zu quantifizieren und effizient zu nutzen.

Beschleunigt der Klimawandel die Wasserkrise und versetzt die Beteiligten unter Druck, so schnell wie möglich zu handeln und ein Wasser-Monitoring aufzubauen?
Ich glaube nicht, dass die Bevölkerung den Druck spürt und das Bewusstsein schon so verankert ist, dass die Menschen sich für den Klimawandel und seine Folgen intensiv interessieren. Insgesamt haben die Leute noch andere Probleme, die vorrangig sind. Es sind wohl mehr wir Wissenschaftler, die den Druck spüren, da wir uns alltäglich mit dem Thema beschäftigen und die kommenden Probleme sehen. Natürlich kann man das Thema jetzt dramatisieren, nach der Devise: Die Gletscher sind bald weg und die Menschen verdursten! Das wäre falsch. Es gibt definitiv eine Veränderung durch den Klimawandel. Das ist Fakt. Aber wir dürfen das nicht zu schwarzsehen, sondern nüchtern und rational nach Lösungen suchen. Da sind wir wieder beim Thema: Ohne Messdaten verstehen wir das System nicht und was wir nicht verstehen, können wir nicht verändern bzw. verbessern. Die Wissenschaft spürt einen Zeitdruck, versprüht aber keine Hektik oder Panik.

Welchen Eindruck haben Sie von der Konferenz? Ist es ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung?
Ich habe sehr interessante, kompetente Leute kennengelernt. Die Teilnehmer haben einen sehr guten Background und wollen auch gern mehr machen, aber es scheitert meist am finanziellen Rahmen. Es ist ein guter Schritt in die richtige Richtung. Vor allem ist die Kombination aus Konferenz und Ausstellung sehr wichtig, um den politischen Entscheidungsträgern einen Überblick zu geben, was es an technologischen Möglichkeiten gibt. Es gibt eine weltweite Kompetenz, von der wir alle lernen und profitieren können.

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Wer spielt eine größere Rolle im Wassermanagement Zentralasiens: Politik, Wirtschaft oder die Bevölkerung?
Primär die Politik, da sie die institutionellen Entscheidungen trifft und die finanziellen Mittel bereitstellt. Bei der Landnutzung spielen wirtschaftliche Aspekte eine Rolle. Die Bevölkerung spielt meiner Meinung nach eine untergeordnete Rolle. Es gibt Wege, seine Stimme hörbar zu machen und sich zu engagieren, aber Politik und Wirtschaft sind letztendlich die entscheidenden Akteure.

„Es gibt bereits Konflikte um Wasser und ich denke, sie werden zunehmen.“

Können Sie eine Prognose stellen: Ist Zentralasien gewappnet für die kommenden Herausforderungen?
Aus politischer Sicht ist ein großes Konfliktpotenzial vorhanden, da Wirtschafts– und Bevölkerungswachstum die Probleme verschärfen. Wir erleben einen sozioökonomischen Wandel in Zentralasien, wodurch der Druck auf die Ressource Wasser steigt. Nicht nur hier – in der gesamten Welt. Es gibt bereits Konflikte um Wasser und ich denke, sie werden zunehmen. Umso wichtiger ist es, zusammenzuarbeiten und Kommunikation sowie Vertrauen zu stärken. Das ist der positive Aspekt: Der Wille ist vorhanden, etwas zu verändern. Daher gibt es all die internationalen Organisationen, Forschungsprojekte und Konferenzen. Zudem besitzen die Menschen in Zentralasien eine offene, friedliebende Kultur, in der ich mich sehr wohlfühle. Die Menschen sind gastfreundlich und hilfsbereit. Ich denke, das wurzelt in der nomadischen Tradition. Wenn ich als Gast komme, werde ich freundlich behandelt, auch wenn sie mich nicht mögen. Da gibt es durchaus einen Ethos.

Gilt dieses Ethos auch bei der grenzüberschreitenden Wassernutzung?
Ja, gute Frage (lächelnd). Das entscheiden die zentralasiatischen Länder.

Das Interview führte Anne Grundig.

Philipp Theuring (36) hat an der Jenaer Universität in Deutschland Geografie studiert. Er hat für mehrere Forschungsprojekte zum Thema „Wassermanagement“ gearbeitet, u.a. in der Mongolei und am Baikalsee in Russland. Heute vertreibt er für einen Hydrometriehersteller hochmoderne Mess– und Überwachungstechnik, die er als Wissenschaftler selbst eingesetzt hat.