Kasachische Geschichte auf 320 Seiten

Wer sich mit Kasachstans Vergangenheit auseinandersetzen wollte, suchte auf dem deutschen Buchmarkt bislang weitgehend vergeblich. Dass es „auf Deutsch im Grunde überhaupt gar keine Geschichte Kasachstans“ gibt, beobachtete auch Robert Kindler, Professor für Osteuropäische Geschichte am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin. Er machte sich selbst daran, diese Lücke zu schließen. Am 24. September erscheint bei C.H. Beck Kindlers neues Buch „Geschichte Kasachstans: Vom Land der Nomaden zum Staat in der Steppe“. Auf rund 320 Seiten gibt er einen umfassenden Überblick über die Geschichte des Landes.

Sein Anspruch war es, eine problemorientierte und vor allem gut lesbare Einführung zu geben. Ein Buch, für das man keine Spezialistin und kein Spezialist sein muss und das man auch dann zur Hand nehmen kann, wenn man sich bislang noch nicht viel mit Kasachstan beschäftigt hat, durch dessen Lektüre man sich aber auch tiefer in die Geschichte des Landes einarbeiten kann.

Im Fokus: Die letzten 350 Jahre

Dafür spannt der 48-Jährige einen weiten inhaltlichen Bogen von den vorstaatlichen Zusammenhängen über die Zeit
im russländischen und sowjetischen Imperium bis hin zur Eigenstaatlichkeit im postsowjetischen Kasachstan.

„Es ist im Grunde eine Geschichte von Adaption und Selbstbehauptung unter den Bedingungen imperialer Herrschaft“, fasst Kindler zusammen. „Der Kern des ganzen Buches sind die letzten 300 bis 350 Jahre.“ Stellenweise greift er aber auch weiter zurück.

Kindlers Interesse an der kasachischen Geschichte entwickelte sich aus seiner Arbeit als Osteuropahistoriker. Im Zuge seiner Beschäftigung mit der Sowjetunion und dem Stalinismus setzte er sich mit der kasachischen Hungersnot der 1930er-Jahre auseinander, bei der mehr als 1,5 Millionen Kasachinnen und Kasachen ums Leben kamen.

„Das ist im Grunde ein Thema, das mich seitdem nicht mehr losgelassen hat“, erzählt er. Über die Hungersnot schrieb er seine Dissertation und veröffentlichte später das Buch „Stalins Nomaden. Herrschaft und Hunger in Kasachstan“, das 2023 auch auf Kasachisch erschien. Diese Auseinandersetzung wurde so zum Ausgangspunkt für seine weitere Beschäftigung mit Kasachstan und seiner Geschichte.

Nomadisches Erbe

Bereits der Untertitel „Vom Land der Nomaden zum Staat in der Steppe“ lenkt den Blick auf Kasachstans nomadische Vergangenheit. Bei der heutigen Bedeutung dieses Erbes beobachtet Kindler einen Wandel. Lange Zeit seien das nomadische Erbe und die Kultur der Wanderhirten mit dem Makel der Rückständigkeit behaftet gewesen – also mit etwas, das zu Zeiten der Sowjetunion überwunden und in der Moderne aufgelöst werden sollte.

Heute hingegen werde dieses Erbe „zunehmend und immer stärker zu einem Kern von Stolz und patriotischer kasachischer Kultur“. In dem multiethnischen Land habe diese Entwicklung zwar nicht für alle die gleiche Bedeutung, für ethnische Kasachinnen und Kasachen gewinne das nomadische Erbe jedoch zunehmend an Relevanz. „Ich glaube, das ist eine ganz interessante Entwicklung“, sagt Kindler.

Die Idee eines solchen Überblickswerkes begleitet ihn schon länger. Über seinem Schreibtisch hänge noch immer ein riesiges Blatt Papier, A0 oder größer, darauf der Plan für das Buch. Daran hängt ein Zettel: „Letzte Nachricht aus 2024: 2025 schreibe ich das Buch“. Gesagt, getan: Ende 2025 war das Manuskript tatsächlich fertig.

Die unterschiedlichen Deutungen und Interpretationen verschiedener Historikerinnen und Historiker zu einer Gesamtdarstellung zusammenzuführen, ohne bloß Positionen aneinanderzureihen, stellte sich dabei als eine größere Herausforderung heraus, als Kindler zunächst angenommen hatte. Ob es ihm gelungen ist, sie dennoch zu meistern, können die Leser:innen ab dem 24. September selbst beurteilen.

Buchinformationen:

Robert Kindler: Geschichte Kasachstans. Vom Land der Nomaden zum Staat in der Steppe

Verlag: C.H.Beck Paperback

Erscheinungstermin: 24. September 2026 320 Seiten, 10 Abbildungen, 3 Karten

Preis: 19,90 Euro

ISBN 978-3-406-85265-7

 

Line Brümmer

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